GYF IV auf Reisen
Dr. Andreas Ruch in London, UK

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„Rerum cognoscere causas”/”Die Ursachen der Dinge erkennen” lautet der Leitspruch der LSE. CC BY-NC SA Andreas Ruch

Dr. Andreas Ruch aus der AG „Wohlbefinden und Migration“ lehrt und forscht normalerweise an der Juristischen Fakultät der Ruhr Universität in Bochum. Bis Juli 2016 widmet er sich seinen Forschungsgebieten – der Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft – in London. Unterstützt wird er dabei unter anderem durch den Reisekostenzuschuss der Global Young Faculty. Im Gespräch mit GYF Blog schildert er seine Eindrücke des universitären Lebens an der London School of Economics.  

Katharina Graef: Mit welchen Fragen beschäftigst du dich während deines Forschungsaufenthalts?

Ich befasse mich mit Praktiken der polizeilichen Strafverfolgung. In Deutschland ist die Lage gesetzlich eindeutig geregelt: Die Polizei hat uneingeschränkt und in vollem Umfang Straftaten zu verfolgen und ihr steht kein Ermessen hinsichtlich der Nichtverfolgung von Gesetzesverstößen zu. Tatsächlich aber verfolgen Beamte in vielen Fällen Straftaten nicht, sondern sie schlichten Streitigkeiten, erklären sich gegenüber Anzeigeerstattern fälschlicherweise für unzuständig oder nehmen Normverstöße, zum Beispiel im Bezug auf Drogenkonsum – nicht zur Kenntnis. Mich interessieren die informellen, mutmaßlich aus der polizeilichen Organisationskultur (Cop Culture) resultierenden, Regelungsmechanismen, die der faktischen polizeilichen Ermessensausübung zu Grund liegen. Meine Forschung ist nicht empirisch angelegt, sondern stützt sich neben einem juristischen Teil auf die Auswertung und Systematisierung deutsch- und englischsprachiger Literatur zur Polizeiforschung.

Buckingham Palace. CC BY-NC SA Katharina Graef

Buckingham Palace. CC BY-NC SA Katharina Graef

Warum hast du dir dafür die London School of Economics ausgesucht?

Während in Deutschland die Polizeiforschung ein eher dünn besiedeltes Feld ist, hat die empirische Erforschung des polizeilichen Handlungsalltags eine lange akademische Tradition in den angelsächsischen Ländern. Am Mannheim Centre for Criminology forschen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Thema Policing und grundlegende Arbeiten zur polizeilichen Entscheidungsfindung und zum Konzept der „Cop Culture“ sind hier entstanden.

Also ist dein Forschungsumfeld in London mit dem an deutschen Universitäten vegleichbar?

Mein Forschungsschwerpunkt ist die Kriminologie, die in Deutschland – aus internationaler Sicht ungewöhnlich – der Rechtswissenschaft zugeordnet ist, während ich hier dem Department of Social Policy zugeordnet bin. Hierdurch und durch meine juristische Ausbildung habe ich natürlich einen ganz anderen Zugang zur Polizei und ganz allgemein zum Thema „soziale Kontrolle“ als dies bei der Mehrzahl meiner Forscherkollegen hier an der LSE der Fall ist. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Sachverhalten und der Austausch hierüber ist in fachlicher und persönlicher Hinsicht sicherlich einer der Aspekte, der meinen Aufenthalt an der LSE am meisten bereichert.

Machst du auch Unterschiede im Vergleich mit der deutschen Universitätskultur und -struktur aus?

CC BY-NC SA Katharina Graef

St. Paul‘s Cathedral. CC BY-NC SA Katharina Graef

Die Habilitation, die in den Rechts- und Geisteswissenschaften in Deutschland wohl immer noch das akademische Maß der Dinge darstellt, ist hier jedenfalls bei jüngeren Professoren und Professorinnen so gut wie unbekannt. Das Problem der Befristung ist hier auch bekannt: Es gibt eine Reihe von Personen, die sich von Forschungsauftrag zu Forschungsauftrag hangeln. Auf der anderen Seite gibt es aber eben für exzellente PhD-Absolventen das „tenure track“-System. Das heißt, man kann nach der Promotion direkt zum Assistant Professor berufen werden. Das Phänomen, mit Mitte bis Ende 30 noch zum wissenschaftlichen „Nachwuchs“ gezählt zu werden, ist in England also eher unbekannt.

Last but not least: Wie verbringst du deine freie Zeit in London?

Anfangs habe ich in meiner Freizeit die Stadt ohne festes Ziel erkundet und dabei meist eines der kostenlosen Museen als Ausgangspunkt genommen. Da die LSE mitten in der City of London liegt, versuche ich so viel Zeit wie möglich im Grünen oder am Ufer der Themse zu verbringen. Zu meinen Lieblingsorten zählen Parliament Hill oder der Bereich südlich der Themse zwischen Tate Modern und Tower Bridge.

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