Digitalisierung – Chance und Herausforderung

Brainstorming beim Auftakt der GYF IV (Foto: Simon Bierwald)

Digitale Gesellschaft, Open Access, neue Review Methoden – die AGs des vierten Jahrgangs der Global Young Faculty werden sich in den nächsten Monaten auch mit digitalen Themen auseinandersetzen. Prof. Dr. Winfried Schulze, Direktor des Mercator Research Center Ruhr (MERCUR), hat die Digitalisierung des Wissenschaftsbetriebs seit ihren Kinderschuhen begleitet und unter anderem als Mitbegründer der Plattform historicum.net mitgestaltet. Wie er den digitalen Wandel erlebt und vor welchen Herausforderungen er die Wissenschaft sieht, erzählt er im Interview mit GYF Blog.

Katharina Graef: Sie sind schon sehr lange im Wissenschaftsbetrieb tätig, sowohl in Forschung und Lehre als auch im Wissenschaftsmanagement. Vor welchen Chancen und Schwierigkeiten sehen Sie die Wissenschaft momentan?

Prof. Dr. Winfried Schulze: Die entscheidende Veränderung, die wir in den letzten vierzig Jahren in der Wissenschaft erlebt haben, ist ihre Digitalisierung. Daran besteht kein Zweifel. Ich betrachte es als einen der größten Vorzüge meines Lebens, daran aktiv und bewusst teilgenommen zu haben und zum Teil auch daran mitgearbeitet zu haben. Natürlich nicht, indem ich selber Programme erfunden hätte, aber diese Entwicklung kreativ aufzunehmen, neue Möglichkeiten zu sehen und sie nicht abzuweisen, wie es einige Kollegen ja getan haben, empfinde ich als bereichernd. In den 1980er Jahren dachte ich schon: „Irgendwann kommen deine Studenten und die können das dann und du kannst es nicht.“ Diese Lücke wollte ich nicht entstehen lassen. Die Digitalisierung hat die Wissenschaft in all ihren Feldern erreicht: von Computational Biology bis hin zu den Digital Humanities.

Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung aus Ihrer Perspektive auf die Forschung?

Für mich als Geisteswissenschaftler ist es interessant, dass durch die Europäisierung und Globalisierung die Fragesets, mit denen wir an Wissenschaft herangehen nicht mehr so eindeutig definiert sind wie es noch 40 oder 50 Jahren der Fall war. Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften haben wir eine Pluralisierung von Denkansätzen erlebt, die manchmal eine geradezu gefährlich erscheinende Form von Unübersichtlichkeit produzieren. Es ist eine große Herausforderung, den eigenen Weg hindurch zu finden, aber das ist eine Konsequenz, die wir in alle Lebensbereichen haben akzeptieren müssen.

Das führt ja zwingend zu der Frage: Wie filtern wir das Wissen, das uns durch die digitalen Möglichkeiten entgegenschlägt?

Das ist der Punkt, der mir zunehmend Sorgen macht. Als ich Mitte der 1960er Jahre angefangen habe zu studieren, war das, was man las, Deutsch mit ein paar Stückchen Französisch und Englisch. Man wusste genau, wer sich in Frankreich, England oder Amerika mit welcher Frage auseinandersetzt. Wenn Sie heute über die Französische Revolution arbeiten, was eines der Gebiete ist, mit denen ich mich beschäftigt habe, gibt es heute keinen Unterschied mehr zwischen einem indischen Beitrag, einem australischen und einem südamerikanischen. Das alles läuft zusammen und über unzählige Kanäle auf Sie zu. Sie müssen irgendeinen Weg finden, die Informationen auf ihren Wert abzuklopfen. Das finde ich vor allem für junge Leute, die sich ja erst noch in dieses Feld hineinfinden müssen, enorm schwierig. Der ständige informationelle Strom ist im Grunde nicht zu fassen. Die richtigen Filtersysteme, die so hilfreich sind, dass sie an unsere Festplatte im Kopf angepasst wären, haben wir dafür noch nicht gefunden.

Screenshot von historicum.net am 22.01.2016

Screenshot von historicum.net am 22.01.2016

Mit historicum.net haben Sie mit einigen Kollegen aus den Geschichtswissenschaften schon sehr früh eine Plattform ins Leben gerufen, die geschichtswissenschaftliche Forschung bündelt und aufbereitet. Wie kam es zu dieser Idee?

Mitte der 1990er Jahre ging es los, als wir gemerkt haben, dass das klassische System des Rezensierens in Zeitschriften, in denen Rezensionen oft erst Jahre nach der Veröffentlichung des jeweiligen Buches erscheinen, keinen Sinn mehr macht. Mit historicum.net haben wir daher versucht, eine neue Plattform aufzubauen und dort auch informatorische Teile zum Bereich der Frühen Neuzeit angegliedert. Damit wollten wir erste Schneisen in dieses neue System von Informationsgewinnung schlagen. Es sieht so aus, als sei dies ganz erfolgreich geworden, denn wir haben in Deutschland jetzt zwei große Systeme: historicum.net in München und H-Soz-Kult in Berlin, die in Konkurrenz und zum Teil auch überlappend arbeiten. Daraus ist dann die Digital Humanities Bewegung entstanden. Ich empfinde das als eine konsequente Weiterentwicklung.

Haben Sie damals geahnt, welche Bedeutung die Digital Humanities im Jahr 2016 haben würden?

Vielleicht habe ich es vage geahnt, aber insgesamt bin ich erstaunt darüber, welche Bedeutung sie bekommen haben. Ich hätte nie gedacht, dass Digital Humanities einmal ein eigenes Fach werden würde. Es werden sogar schon erste Professuren besetzt, die unter dieser Titulatur ausgeschrieben werden. Das ist bemerkenswert und zeigt an, wie groß der Problemdruck auf dem Gebiet geworden ist. Viele Studenten wollen über digitale Themen informiert werden und das nicht nur im Selbststudium, sondern im Rahmen von normalen Lehrveranstaltungen. Dazu braucht man Fachleute, die dieses Wissen weitergeben können.
Ich kann mich noch genau an eine Diskussion auf einem Bibliothekarstag Mitte der 1990er Jahre erinnern. Da habe ich gesagt, dass es ein Traum wäre, jeden Morgen am Computer zu sitzen und Informationen über neue Literatur zu bekommen, die zu meinem Fach passt. Ein paar Jahre später hat die StaBi in München ein System entwickelt, das genau dies konnte. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Traum so schnell realisiert werden würde.

Im Kontext der Digitalisierung des Wissenschaftsbetriebs ist das Urheberrecht ein viel diskutiertes Thema. Sind Sie ein Verfechter des Open Access Gedankens?

Absolut. Ich finde, das sind sehr vernünftige Ideen, unter anderem weil man so die teilweise horrenden Preise der Fachzeitschriften herunterdrücken kann. Ich finde die enormen Preiserhöhungen für Fachzeitschriften in den letzten 15 Jahren geradezu gemeingefährlich. Man muss natürlich sehen, dass damit auch eine Reihe von Problemen auftauchen, die noch nicht hinreichend gelöst sind. Nur um ein Beispiel zu nennen: Nach einer Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs über die Benutzung von Büchern in Bibliotheken können Bibliotheken Bücher in beliebiger Anzahl digital anbieten und nicht nur jedes Exemplar, was sie auch wirklich gekauft haben. Das ist im Grunde eine Entwertung der Urheberrechte. Ob das so wünschenswert ist, möchte ich erst mal offen lassen, weil das juristisch eine jetzt entschiedene Frage ist, aber mir macht etwas Kummer, dass der Umgang mit geistigem Eigentum damit für den Autor gefährlicher geworden ist. Ansonsten finde ich die Politik der großen Wissenschaftsorganisationen hin zu Open Access völlig richtig. Wissen ist eine Ressource, die weltweit entscheidend ist, und wir dürfen schon aus menschenrechtlichen Argumentationen heraus das Wissen nicht nur hier in Europa, China oder Amerika bewahren, sondern es der ganzen Welt zur Verfügung stellen. Das ist jetzt möglich.

Beitrag kommentieren
  1. Auch fur kleine und mittlere Unternehmen ist die Digitalisierung nicht nur Herausforderung sondern auch Chance, weil sie Geschwindigkeit, Erreichbarkeit und Transparenz der Kommunikation steigert, Innovationskraft, Produktivitat und Kostenersparnisse fur die Unternehmen bringt und die volkswirtschaftliche Wettbewerbsfahigkeit Niedersachsens starkt. Der Fokus der Landesregierung liegt insbesondere auf der Forderung des Breitbandausbaus auch und gerade in den landlichen Regionen.

    Antworten