Zu Besuch beim Auswahlverfahren der GYF IV

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CC BY-NC SA Katharina Graef

Wer wird Mitglied des vierten Jahrgangs der Global Young Faculty IV? Diese Frage stellte sich das sechsköpfige Gremium bei ihrer Auswahlsitzung im Sommer 2015. Neben Prof. Dr. Winfried Schulze, Dr. Dagmar Eberle und Dr. Ann-Christin Bauke vom Mercator Research Center Ruhr und Dr. Felix Streiter von der Stiftung Mercator berieten auch zwei externe Experten über die Zusammensetzung der GYF IV: Dr. Beate Konze-Thomas, Leiterin der Programm- und Infrastrukturförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und Dr. Thomas Hesse, stellvertretender Generalsekretär der Humboldt-Stiftung. Beide sprachen über die Vermittlung von wissenschaftlichem Handwerkszeug und die besondere Rolle der Global Young Faculty dabei.

Katharina Graef: Was zeichnet die Global Young Faculty aus? Gibt es vergleichbare Förderprogramme?

Beate Konze-Thomas: Es geht darum, dass junge Leute, die ungefähr auf einer Ebene in ihrer Ausbildung sind, mal über ihren Tellerrand blicken, die Gelegenheit bekommen, interdisziplinäre Themen zu bearbeiten und dann über zwei Jahre die Gelegenheit haben, zu diesen Themen etwas Vernünftiges zu erarbeiten. Ich kenne an anderer Stelle kein Programm, das genau diese Spezifika hat und halte es für eine sehr gute Idee.
Thomas Hesse: Dem kann ich mich anschließen. Ich sehe die GYF als ein Instrument zur Identitätsbildung und zur Vernetzung sowohl fachlich- als auch institutionsübergreifend.

Blickt man auf die Ergebnisse der Arbeitsgruppen der GYF III bemerkt man, dass sowohl Inhalte als auch die dafür gewählten Publikationsformate und -wege sehr unterschiedlich sind. So gab es eine Theaterinszenierung, Videoclips, gyf-blog.de wurde ins Leben gerufen und vor Kurzem ist ein Bildband zum Thema „Forschen und Leben im Ruhrgebiet“ erschienen. Was halten sie von solchen Formaten?

BKT: Welche Art der Publikation gewählt wird, ist im Grunde sekundär. Wichtig ist, dass der Prozess der Ergebnisfindung prägend ist. So etwas wie der Bildband der AG „Ruhrgebiet“ ist doch toll. Nach zwei Jahren Arbeit mit einer AG hat man etwas in der Hand.
TH: Wichtig ist die Erkenntnis, dass jeder etwas anderes macht und alles gleichermaßen interessant und neu ist. Neugier, Kreativität und die Erkenntnis: „Ich lasse mich auf etwas Neues ein und es klappt etwas, das ich alleine so nicht hingekriegt hätte.“ Das sind Sachen, die eingeübt werden können. Die GYF ist eine Plattform, die das in einem Alter unterstützt, in dem die Prägung eines Wissenschaftlers in gewisser Weise noch möglich ist.

Tut der Wissenschaft diese Kreativität also ganz gut?

TH: Interdisziplinäres Arbeiten, Arbeiten jenseits des eigenen zentralen Wissensgebietes, muss geübt werden. Genauso verhält es sich mit der Kreativität. Es müssen daher genau solche Plattformen wie die GYF geschaffen werden, wo das möglich ist. In dem Moment, in dem man sein eigenes Wissens- und Wissenschaftsgebiet verlässt, lernt man Verstehen. Und interdisziplinäres Arbeiten geht nur, wenn alle aus den verschiedenen Fachgebieten in einer Sprache sprechen, um sich verstehen zu können. Jedes Training, das dazu beiträgt, ist, so glaube ich, sehr gut investiert und dringend erforderlich.
BKT: Wenn ein Wissenschaftler nicht kreativ ist, dann ist er kein Wissenschaftler. Es ist wichtig, dass NachwuchswissenschaftlerInnen die Gelegenheit bekommen ‚aside‘ dessen, was ihre eigentliche Aufgabe ist, sich mit interdisziplinären Themen auseinanderzusetzen und konkrete Projekte zu bearbeiten. Das finde ich großartig und ich denke auch, wenn man in seinem eigenen Fach gut ist, wird man auch an der Interdisziplinarität Spaß haben. Heute sind Interdisziplinarität und Internationalisierung nicht mehr medioker, sondern die wirklich wichtigen Erkenntnisse werden an den Grenzgebieten der Wissenschaften gemacht. Man muss sich also darauf einlassen.
TH: Ganz genau! Und das Handwerkszeug dazu erlernen. Es geht um die Sprache: Wenn man sich immer nur in seinem eigenen Bereich umtreibt, kann man anderer Wissenschaftler Sprache nicht lernen – und dann klappt es nicht mit der fachübergreifenden Zusammenarbeit.

Die WissenschaftlerInnen, die von den Rektoraten ihrer Universitäten für die Global Young Faculty vorgeschlagen werden, sind bereits mit allerlei wissenschaftlichem Handwerkszeug ausgestattet. Welche Kriterien legen Sie an, um eine endgültige Auswahl für den neuen Jahrgang zu treffen?

TH: Letztendlich geht es für mich darum, in den Lebensläufen und Bewerbungsunterlagen nach Hinweise zu suchen, die dafür sprechen, dass das jemand ist, der diese Bereitschaft, sich auf etwas Anderes einzulassen, mitbringt. Dabei kann es ganz unterschiedliche Punkte geben: Einer macht ein doppeltes Studium, der Nächste war ein Studienjahr im Ausland, Beförderungen, wissenschaftliche Leistungen, außeruniversitäres Engagement. Immer wieder suche ich nach diesem kleinen Extra. Was ist es, das diesen Bewerber oder diese Bewerberin aus der Masse heraushebt?
BKT: Wie dürfen ja auch nicht vergessen, dass bereits eine gute Vorauswahl von den Universitäten getroffen wird. Dennoch fällt es uns erstaunlicherweise nie schwer, die Mitglieder des neuen GYF-Jahrgangs zu finden. Es gibt sehr selten Kontroversen. Wir haben unsere Kriterien auch nie klar definiert. Man liest die Anträge, entdeckt dieses Extra und der Kandidat ist gefunden. Eigentlich ist das nicht schwierig, oder?
TH: Nein, aber es hat eine ganze Menge mit Erfahrung auf diesem Gebiet zu tun. Am Ende können wir nur hoffen, dass wir richtig ausgewählt haben. Eine doppelte Blindprobe, wie bei jedem anständigen biologischen Experiment, können wir nicht führen.

Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

TH: Vielversprechenden jungen Menschen eine zusätzliche Möglichkeit einräumen zu können macht Spaß!
BKT: Das Thema Wissenschaftlicher Nachwuchs hat uns beide schon immer interessiert. Zu sehen, wie sich junge Wissenschaftler tatsächlich etablieren und das Potenzial haben, irgendwann einmal etwas Großes zu leisten, finde ich toll.

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